Fremdschämen im ARD

Mal wieder eine Runde bei Anne Will – mal wieder ein Anlass sich mal so richtig fremd zu schämen!

Fremdschämen beschreibt den Prozess, wenn Handlungen Dritter, die durch eine Person lediglich beobachtet werden, in selbiger Person das unangenehme Gefühl der Scham auslösen. Der empathische Teil unserer Psyche fühlt sich in die Gefühlswelt der real anwesenden Personen sowie in die Gefühlswelt der Person ein, die Anlass des Fremdschämens ist. Man wünscht sich automatisch, dass diese Person das Gesagte oder Getane eben nicht gesagt oder getan hätte, dass das Subjekt unserer Empathie selbst begreift, welchen kapitalen Bock es gerade geschossen hat und selbst erkennt, dass es jetzt gilt zu retten, was zu retten ist.

So geschehen am 05.05.2019 in der Sendung von Anne Will. Zu Gast waren Michael Kretschmer, Annalena Baerbock, Kevin Kühnert, Maja Göpel und Ioannis Sakkaros. Die Frage, die sich die geneigte Leserin nun stellen sollte, ist jene nach dem Subjekt der Fremdscham. Warum sonst sollte der Autor diesen Titel für den Artikel wählen und im ersten Absatz das Fremdschämen näher beschreiben?

Ist es vielleicht Maja Göpel, deren augenrollendes Gesicht gleichsam Konterfei des Artikels darstellt? Könnte Sie, welche mittels wissenschaftlicher Expertise, rhetorischem Feingespür und geduldigem Zuhören sicherlich eine der Gewinnerinnen der Debatte ist, vielleicht Grund für diesen Aufmacher sein? Sicherlich nicht. Sie sprach vernünftig und ruhig. Sie ging auf die Argumente der anderen Diskutanten ein und war sich auch nicht zu schade dem begriffsstutzigen Kretschmer alles einfach „mit anderen Worten“ zu erklären.

Oder könnte vielleicht Kevin Kühnert, der JUSO-Vorsitzende gemeint sein? Er, der er es wagt als junger Wilder mal über den schwarz-rot-versifften Tellerrand zu glotzen und Vorschläge zur Diskussion zu stellen, die sich erfrischend aus dem unkreativen Einheitsbrei der großen Koalition abhebt? Könnte er, der ein ums andere Mal in seiner Rede unterbrochen wurde, vornehmlich durch bereits genannten Kretschmer, der immer wieder versuchte Fakten statt Gefühle zu debattieren und dabei sich auch nicht zu schade war mit der derzeit noch politischen Gegnerin Baerbock inhaltlich zu paktieren, vielleicht zur Fremdscham animieren? Wohl eher auch nicht.

Dann muss es wohl eben jene Annalena Baerbock sein. Sie ist Vorsitzende des Bündnis 90/Die Grünen und hatte den vermutlich geringsten Redeanteil in vorliegendem Mediendokument. Das lag vermutlich daran, dass ein Kretschmer und vor allem ein Herr Sakkaros es tunlichst vermieden sie aussprechen zu lassen. Selbst die gestische Unterstützung ihres Anspruchs einen Gedanken mal zu Ende führen zu können, half nichts und wurde vehement niedergequatscht. Ja, sie ist vermutlich kein bunter Hund, sie wirkt eher bieder und brav – doch ihre Worte waren wohlüberlegt, wenn auch nicht ohne Versprecher. Doch zum Fremdschämen lud sie nicht ein.

Das erledigte in formidabel fulminanter Form (Gottseidank für die Alliteration) der sächsische Ministerpräsident, der sich unter anderem zu folgendem seltsam anmutenden Satz hinreißen lässt:

Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland. Einem der großartigsten Länder, das es gibt.

… was mich an eine weltberühmte Szene aus der Serie „The Newsroom“ erinnert, in welcher der Oskarpreisträger Aaron Sorkin erklärt, warum die USA eben nicht das großartigste Land der Welt seien. Sollte Kretschmer Sorkins Aussagen mal auf Deutschlands Situation beziehen?
Aber auch sonst glänzte Kretschmer durch Begriffsstutzigkeit und Engstirnigkeit. Vor Aufregung mit den Augenlidern zitternd und die Finger aneinander reibend suchte er zwanghaft Möglichkeiten seine Gegner zu vernichten, anstatt ihre Inhalte zu diskutieren. Also folgend natürlich DDR-Vergleiche und Opferrollenspiele und die immer gleichen Killerphrasen. Das mit keinem Wort auf die Argumente der sichtlich besser informierten und offensichtlich intelligenteren Gegner eingegangen wurde, ist bei Kretschmer kein Indiz für Dummheit, vielmehr jedoch für ideologische Verblendung und Scheuklappen – mein Weg und kein anderer, nicht mal, wenn die eigenen Parteikollegen langsam verstehen, dass es so nicht weitergehen kann.

Den Bock jedoch schoss ein Mann namens Ioannis Sakkaros ab. Jener Herr ist wohl Organisator der Stuttgarter Gelbwestendemos, die sich, nicht ganz im Unrecht stehend, gegen die Ungerechtigkeiten sträuben, die wiederum Resultat der bundesdeutschen Klüngelei mit der Industrie und dem Geldadel sind. Und dennoch ist er ein Paradebeispiel dafür aus den vermutlichen richtigen Gründen die völlig falschen Schlüsse zu ziehen und zusätzlich noch hemmungslos uninformiert in eine Diskussion zu gehen. Mehrmals wurden dann auch seine Aussagen mit einem Nebensatz als das entlarvt, was sie waren, nämlich Stammtischgeprabbel eines dem Dunning-Kruger-Effekt unterworfenem Empörten. Sakkaros, der sich selbst gern als Schrauber bezeichnet, konnte nichts zur Debatte beitragen, außer halbgare und falsche Aussagen. So war er dann auch maßgeblicher Beweis für eine Conclusio der Moderatorin: „Ich glaube, es ist schlecht erklärt bislang.“… denn er raffte einfach gar nichts und ergötzte sich ekstatisch im Kopfschütteln und Aufzählen passend gewählter Statistiken. Fast könnte man meinen, er habe von PEGIDA und AfD gelernt.

Und so blieb Maja Göpel kurz vor Ende der, ob der Beratungsresistenz Kretschmers und Sakkaros, fruchtlosen Diskussion nur noch übrig genervt die Augen zu rollen.

Spätestens jetzt war der Fremdschämkreis geschlossen.

Blog, Realitätsbetrachtung | 09.05.2019 | 1132 Views
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