Geschichten aus der Notaufnahme #1

… von Verrückten und von Armen, von Menschen, wie sie eben existieren…

Ich war eingeteilt als medizinische Erstsichtung. Die vorderste Front, so zusagend, der erste Kontakt. Alle Patienten liefen über mich. Ich war das erste Gesicht. Ich war Beruhigung und Prellbock zugleich. Und viele Menschen kamen. Ich befragte sie. Ging ihren Leiden auf den Grund und versuchte Notfall von Normalfall zu trennen. Kein Herzinfarkt, kein Schlaganfall, keine schlimme Blutung und kein Schock sollte im Wartezimmer vergessen sein. Jenen, denen es wirklich dreckig ging, zu trennen von jenen, die lediglich zu faul waren zum Arzt zu gehen, auf Termine zu warten, war mein Auftrag.

Ich brachte eine Akte in die Notaufnahme. Plötzlich öffnete sich die automatische Tür. Die Lady vom Aufnahmeschalter rief panisch rein: „Wisst ihr was von einem Schockraum?“ Noch routiniert antwortete die Kollegin, eine Krankenschwester, nichts von einem solchen zu wissen. „Weil die jetzt kommen… und die rennen… es ist ein Kind!“

Magische Worte! Ein rennender Rettungsdienst … unüblich. Widersprach es doch einem Grundsatz: „Wer rennt, der stolpert. Wer stolpert, verletzt sich. Der verletzte Retter wird zum Opfer. Patienten werden darunter leiden.“

Ein Kind! Wir alle waren Kinder. Viele sind Eltern. Kinder sind das Wertvollste. Sie sind die wahren, die echten Opfer. Sie gelten als unschuldig und verursachen in den Köpfen aller Retter große, große Sorgen und in den Herzen aller Retter große, große Schmerzen und in den Augen aller noch so hart gesottener Retter große, große Tränen.
Dieses Kind, keine zehn Jahre alt, fiel aus einer Höhe, aus welcher man nicht fallen sollte. Der Papa bemerkte es. Er rann und erkannte, dass es nicht mehr atmete. Er schenkte ihm seinen Atem. Lange Minuten lang presste er seine Lippen auf die Lippen seines wertvollsten Schatzes. Später saß er mit seiner Frau in meinem Raum und betete. Leise betete er in einer fremden Sprache einen mir fremden Gott an. Er bat um seine Barmherzigkeit und sein Wohlwollen. Und mir schlang sich ein fester Gürtel um mein Herz als die Ärztin mit ihnen sprach und ihnen, selbst mit den Tränen ringend, mitteilte, dass es schlecht um das Kind stünde, dass es jetzt operiert werden müsse, dass es in das Gehirn blutete, dass sie das Gehirn entlasten müssten, dass sie dazu den Schädel eröffnen müssten.

Und keine zehn Minuten später brüllte mich der Ehemann einer Frau, die seit dreißig Minuten im Wartezimmer sitzt, mit einer kleinen Schnittverletzung im Finger, an und drohte mit Anwalt und Polizei und Gewalt und mir fehlten die Worte und ich wollte antworten, wie er es verdient hatte… doch ich schluckte meinen Zorn und vergab ihm und bat um Geduld …  die Ärzte kämpfen gerade um das Leben eines Kindes. Er verstand es nicht. Er hatte Termine.

Blog, Realitätsbetrachtung | 30.06.2018 | 327 Views
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