Sophie Scholls Erbe – mit Stiefeln getreten

Wie das Rad der Zeit sich dreht und zur Wiederholung neigt.

Heute vor 73 Jahren starb eine der mutigsten deutschen Frauen aller Zeiten. Sie war Mitglied der „Weißen Rose“, welche eine der wenigen aktiven Widerstandsgruppen gegen die Diktatur Hitlers überhaupt war. Auf Flugblättern skandierten sie „Nieder mit Hitler“ und „Freiheit“ und sie gingen dafür in den Tod. Sie wussten von Deportationen und Massenmord. Sie wussten vom Elend und vom Leid. Und sie konnten es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren.

Sophie Scholl gelang, was dem Großteil der deutschen Bildungselite damals nicht gelang. Sie stand zu sich und ihren Überzeugungen. Sie machte keinen Rückzieher, als ihre Liebe zum ethisch und moralisch Guten ihr das Leben kosten sollte.

Dreiundsiebzig Jahre sind keine lange Zeit und es gibt noch Menschen, die Sophie Scholl noch persönlich kannten – sicherlich. Die Bundesrepublik sieht sich in ihrer Gründung in direkter Tradition zu Menschen wie Sophie Scholl.

Die Bundesrepublik… jedoch immer weniger Menschen in ihr.

In Bautzen brannte der „Husarenhof“, ein ehemaliges Hotel, welches jetzt Flüchtlingen Unterkunft sein sollte. Und daneben stand ein Mob betrunkener Jugendlicher und feierte das abendliche Feuerwerk. Gespenstige Szenen, die an Rostock-Lichtenhagen 1992 erinnern, als hunderte Menschen belustigt und feiernd zuschauten, wie ein mit Menschen gefülltes Haus in Flammen aufging.

In Tröglitz wurde der gewählte Bürgermeister von einem NPD-geführtem Mob aus dem Amt gefegt. Das geschah kurz bevor ein geplantes Flüchtlingsheim nächtens in Flammen aufging, während Menschen drin schliefen.

In Clausnitz, einem Stadtteil von Rechenberg-Bienenmühle, führte ein Parteimitglied der AFD, jener Partei der Fabulierer und Verneiner, ein Flüchtlingslager, auch noch nachdem er sich auf Demonstrationen und in der Öffentlichkeit mehrfach gegen die Unterbringung von Flüchtlingen „aussprach“. Als dann ein Bus mit Neuankömmlingen ankommen sollte, dessen Ankunftszeit nur wenige kannten (jedoch mit Sicherheit der Heimleiter selbst schon), stand ein pöbelnder Mob von Rechtsradikalen und Rassisten stramm zur Stelle und Schrie und Hetzte was das Zeug hielt.

Interessant ist dabei die Lesart der Polizei, die dann nämlich konstatierte, dass die bösen, bösen Flüchtlinge die Deutschen selbstverständlich mit obszönen Gesten provoziert hatten und deswegen dann auch mittels unmittelbaren Zwangs aus dem Bus geschliffen werden mussten … verängstigte Kinder inklusive.

Deutschlandweit verzeichnen Statistiker einen sprunghaften Anstieg von Anschlägen auf Geflüchtete. 2015 war ein trauriger Höhepunkt und 2016 schickt sich an die Zahlen zu übertreffen. Landesweit wird gehetzt, geschimpft, diskreditiert und bedroht. Es brennen Häuser mit schlafenden Menschen drin. Jugendliche, Frauen und Kinder werden bespuckt, über den Gehweg gejagt und es wird, offen oder verdeckt, mit körperlicher Gewalt gegen Geflüchtete selbst, oder aber gegen freiwillige Helfer oder Vertreter der Politik gedroht.

Offizielle Zahlen besagen, dass seit 1990 mindestens 283 Menschen an den Folgen ausländerfeindlicher Gewalt verstarben. Inoffizielle Zahlen reden von 746 weiteren potentiellen Fällen.

Nein! Man kann es drehen und wenden wie man will. Das Erbe Sophie Scholls ist nicht in Gefahr. Es liegt bereits von Stiefeln zertrampelt am Boden. Denn vor all den oben genannten Hintergründen winden sich die Politiker wie Aale und keiner, wirklich keiner hat die Gesäßmuskulatur in der Hose aufzustehen und laut und deutlich und unmissverständlich und ein für alle Mal zu benennen, was zu benennen ist.

Nämlich dass Deutschland ein echtes Terrorproblem hat. Terror ist die Verbreitung von Angst mittels Androhung oder Durchführung von Gewalt gegen willkürlich Personen. Nichts anderes passierte in Bautzen, in Tröglitz, in Clausnitz, in Pirna, Dreieich-Dreieichenhain, in Villingen-Schwenningen, in Wittenberg oder sonst wo.

Sophie Scholl schrieb am 5. September 1939 an ihren Freund Fritz Hartnagel:

Ich kann es nicht begreifen, daß nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist für´s Vaterland.

Blog, Realitätsbetrachtung | 22.11.2016 | 18 Views
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